Steht die Hausarztpraxis vor 3 Umbruchszenarien?

26. Juni 2020


 

 

Steht die Hausarztpraxis vor 3 Umbruchszenarien?

 

1. Dauerhaft weniger Patienten

2. Ausbluten durch Fernbehandlungsangebote

3. Wegbrechen von Kontrollterminen

 

Offenbart die Corona-Krise eine bisher verdeckte Überversorgung mit Hausärzten?

Die KV Hessen und weitere Körperschaften und Berufsverbände der Ärzteschaft sind in Unruhe. Arztpraxen haben in den ersten beiden Quartalen 2020 30% weniger Patienten. Hält dieser Zustand an, bis Massenimpfungen die Angst der Bevölkerung vor Ansteckung in Arztpraxen Ende 2021 absenken, könnte daraus eine dauerhafte Mindernachfrage von 15-20% seitens der Patienten entstehen. Auch die bisherige Gewohnheit von Teilen der Bevölkerung unkontrolliert an Arztpraxen und ärztlichen Bereitschaftsdienst vorbei, die Notfallaufnahme von Krankenhäusern zu überrennen, hat sich aufgelöst. Dort werden 50% weniger Inanspruchnahme von Notfallbehandlung berichtet.

 

Zeitungen, wie die FAZ mutmaßen, dass damit die Phase der Übernachfrage der Bevölkerung nach ärztlichen Leistungen – als Luxusphänomen einer Wohlstandsgesellschaft – zu Ende geht.

 

Bliebe der gesellschaftliche Trend nach reduzierter Arztnachfrage, hätte beispielsweise die niedergelassene Hausärzteschaft und die Fachärzte der Grundversorgung gegebenenfalls ein massives betriebswirtschaftliches Problem.

 

Das Gedankenexperiment wäre: Die Nachfrage nach ambulanten Leistungen würde um ca. 15-20% sinken. Da in der Übergangsphase die Kosten von 50% gleich bleiben, sind beispielsweise 15% Umsatzverlust das doppelte an Gewinnverlust. Bei einem Gewinn von 150.000,00 EUR wären dies 45.000,00 EUR vor Steuern.

 

Es wären Gelder, die bisher für Urlaub oder Kredittilgungen von Haus und Praxis eingesetzt würden. Dies zu kompensieren würde gegebenenfalls verlangen, was real nicht sofort geht, die Kündigung von 1-2 Vollzeitkräften bei nicht ärztlichen Mitarbeitern oder die Kündigung einer mitarbeitenden angestellten Halbtagsärztin.

 

Umbruchszenario Fernbehandlung:

Patientenauswahlmöglichkeit Fernbehandlung bedroht Monopol der ausschließlichen Patientenbehandlung durch Arztpraxen vor Ort!

Folie:

 

 

TeleClinic:
GKV-Versicherte können kostenfrei Videosprechstunde nutzen
Auszug aus: https://www.experten.de/2020/05/29/teleclinic-gkv-versicherte-koennen-kostenfrei-videosprechstunde-nutzen/


Als erster Anbieter in Deutschland ermöglicht TeleClinic es nun gesetzlich Versicherten aller
Krankenkassen digital kostenfreie ärztliche Behandlungen und Krankschreibungen zu
erhalten und sich ein digitales Privatrezept ausstellen zu lassen.


In Zukunft werden von dem Angebot bundesweit Menschen aller Altersgruppen profitieren.
Diese können ein breites Spektrum an Erkrankungen telemedizinisch behandeln lassen. Bei
TeleClinic können Patienten mit einem qualifizierten Arzt sprechen und müssen keine
Wartezeiten und Anfahrten in Kauf nehmen.


Die am stärksten vertretene Patientengruppe bilden Frauen zwischen 30 und 50 Jahren.
Auch Familien mit Kindern machen einen hohen Prozentsatz aus. Diese nehmen die
Erreichbarkeit rund um die Uhr und am Wochenende besonders häufig in Anspruch.


Strategische Schlussfolgerung von RA H.J. Schade
Ende des Behandlungsmonopols vor Ort – Mittelfristig 30 % Patientenverluste bei rentablen
Erstkontakten = 300 Patienten à EUR 60,00 = EUR 18.000,00 p.Q.


Die gesetzliche Krankenversicherung hat mit dem Unternehmen TeleClinic eine Vereinbarung, dass deren bundesweite Partnerarztwahl/Vertragsärzte jetzt 7/24 Fernbehandlungen dem Patienten kostenfrei anbieten können.

 

Ab Herbst ist dies auch möglich, dies mit der Abgabe von Medikamenten durch E-Rezept zu Lasten der GKV zu kombinieren.

 

Damit ist genau das eingetreten, was die Berufspolitik der Ärzteschaft verhindern wollte. Die Monopolfunktion von Ärzten und Apotheken für die Bindung der Patienten vor Ort ist weggebrochen. Den Regionalarzt ersetzende bundesweit agierende Videokonsultationszentren sind denkbar. Zwar will die KBV Deckelung der Videosprechstunden wieder auf 20% ab Herbst einführen. Ob dies aber dann bei Protesten von Bevölkerung und Krankenkassen möglich ist, steht in den Sternen.

 

Die Schweizer Firma Medgate hat eine vergleichbare Funktion wie die TeleClinic für die Krankenkassen in der Schweiz. Sie schätzt auf Befragen ein, dass im Verlauf von 5 Jahren den Schweizer Hausärzten in einem zunächst kaum spürbaren Abschmelzungsprozess ca. 30% der Erstkontakte weggebrochen sind.

 

Fernbehandlung als Notwendigkeit zur Kompensation von Fallzahlverlusten?

 

Das spontane Wegbleiben der Patienten wegen der Corona Ansteckungsgefahr und die neuen bundesweit möglichen Fernbehandlungsangebote führen zu einem neuen Risikoszenario der bisherige Stabilität der Nachfrage bei niedergelassenen Hausärzten und Fachärzten der Grundversorgung.

 

Die vom Sachverständigenrat im Gesundheitswesen schon lange konstatierten vom Bürger ausgehenden Überversorgungsbedürfnisse nach ärztlichen Leistungen im Kontext einer Wohlstandsgesellschaft könnten sich durch die Corona-Krise abgeflacht haben. Gleichzeitig nutzen jüngere Patientengruppen bis zu 50 Jahren aus dem urbanen Bereich stärker das Fernbehandlungsangebot im Rahmen ihres digitalen Selbstverständnisses. Daraus könnte ein dauerhafter Verlust von 150-200 Patienten in der Durchschnittspraxis bis zu 1.000 Patienten entstehen.

 

Dauerhaftes Tele Monitoring in der Häuslichkeit statt mehrfache physische Kontrolltermin in der Praxis p.Q. – eine Chance für mehr Freizeit?

 

Eng verbunden mit der Corona-Krise und auch mit dem älter werden unserer Gesellschaft, sind Überlegungen der Gesundheitspolitik und der GKV älteren und oft auch eher immobilen Menschen Praxisbesuche mit digitalen Dauerkontrollen der Vitalparametern zu ersparen.

 

Der Sachverständigenrat im Gesundheitswesen schlägt deshalb vor, Sensoren/Wearables zur Dauerüberwachung der Patienten am Körper und in der Kleidung einzusetzen. In diesem Zusammenhang hat im Rahmen des Tele-Monitoring die Medizintechnik schon Manschetten entwickelt, die in guter klinischer Qualität wichtige Vitalparameter überwachen. Gleichzeitig finden wir im Präventionsbereich/Fitnessbereich eine steigende Bereitschaft als Selbstzahler sogenannte Smart Watches mit Gesundheitsfunktionen wie Selbstmessverfahren für EKG, Sauerstoffsättigung, Temperatur, Bewegungsaktivität, Nahverhalten etc. einzusetzen.

 

Bei chronisch kranken Patienten könnte deshalb die Situation entstehen, dass man nicht nur auf die mehrfachen Kontrolltermine p. Q. in der Arztpraxis verzichtet, sondern auch auf den bisher wichtigen abrechnungstechnisch unverzichtbaren Erstkontakt im Quartal. Damit könnte sich eine Zeitersparnis von bis zu 900 Kontrollkontakten pro Quartal ergeben. Dies hat eine zentrale Bedeutung, da 20% der Chroniker 60% der Kontakte/Arbeitszeit einer Hausarztpraxis in Anspruch nehmen.

 

Mehr Zeit pro Patient – aber weniger Vorauszahlungen der KV und Gremien?

 

Aktuell sehen die viele Hausärzte dies mit Gelassenheit. Sie gehen davon aus, sich trotz weniger Kontakte dann die Punktwerte der KV verbessern, weil auf der Basis der bisherigen Fallzahlen die Gelder der KV zur Verfügung gestellt werden. Pendeln sich aber nachhaltig geringere Fallzahlen ein, wird die GKV entlastet und das Risiko trägt die Arztpraxis.

 

Unternehmerische Antwort: Patienten von Abgeberpraxen dazu kaufen!

 

Wer also in gleicher Arbeitszeit den gleichen oder mehr Gewinn erzielen möchte, muss delegieren und Videosprechstunde vor Ort ausbauen und neue Patienten dazu gewinnen. Da in den nächsten 10 Jahren die Hälfte der Hausärzte aufgibt, heißt die Schlussfolgerung weitere Arztpraxen gezielt übernehmen. Sinnvoll wäre es aber dann, nach Ausscheiden des Abgebers nach einer Übergangsmitarbeitungszeit die Arztfunktion nicht nachzubesetzen.

 

Über Internet Patienten stabilisieren und mobilisieren als reminder YouTube – Video Star?

 

Strategische Aufgabe könnte es also sein als unternehmerischer Hausarzt mittelfristig 200 Patienten, die wegbleiben zu ersetzen. Ferner weitere 300 bis 500 Patienten neu zu gewinnen, deren bisherigen Kontaktzeiten durch Chroniker blockiert werden, die durch Tele Monitoring über die Arzthelferinnen weiter gut intensiv und empathisch betreut werden können. Somit ergäbe sich die Möglichkeit, die Umbrüche von Corona und Digitalisierung unternehmerisch erfolgreich zu nutzen, weil es dann möglich wäre, in der gleichen Zeit mehr Patienten zu behandeln und man nicht durch Delegation und Digitalisierung auf weiteren ärztlichen Nachwuchs angewiesen sein würde. Das heißt konsequent mehr Patienten mit weniger ärztlichem Nachwuchs in der gleichen Arbeitszeit zu bewältigen.

 

Es stellt sich die Frage, ob diese Überlegungen nicht Schwarzmalerei sind. Ähnlich erging es dem Einzelhandel in der Region, als er kopfschüttelnd beobachtete, dass ein Unternehmen namens eine AMAZON eine Plattform für Onlinehandel einführte.

Ein anderes Beispiel ist die Lufthansa, wo Piloten und Bordpersonal von einem stabilen, dauerhaften Nachfragemarkt ausgingen.

Alleine sich nur detailliert auf diese absehbaren Entwicklungen vorzubereiten, so dass man handlungsfähig ist, dürfte 2 Jahre dauern. Damit stellt sich die Unternehmerfrage: Besser warten statt starten? Auch Nichtstun – ist ein bewusstes Tun!

 

 

Hans-Joachim Schade
Rechtsanwaltn und Mediator
Fachanwalt für Medizinrecht
hjs@arztrecht.de

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