Praxisabgabe: Der Home-Office Doktor - Ein neues Berufsbild als Folge multikausaler Umbrüche

12. Februar 2021


Patientenverluste durch Innenstadtauszehrung kompensieren – Dem Patientenwachstum in der Peripherie und im ländlichen Raum folgen.

Viele Praxisinhaber erreichen zwischen 2024 und 2027 das Rentenalter. Schon 3 bis 5 Jahre vorher gilt es sich mit der Abgabe und Zukunftsstrategien zu beschäftigen.

Die Zahl der durchschnittlichen Abgeber pro Jahr wird sich erhöhen, weil nach 30 Jahren die große Niederlassungswelle der 80er Jahre (Seehofer-Bauch) sich als „Abgabe-Tsunami“ statistisch niederschlägt.

Der potenziellen ca. 50% erhöhten jährlichen Abgeberwelle steht nur die bisherige gleiche Durchschnittsmenge an Nachwuchsköpfen gegenüber. Diese Gruppe hat sich aber inhaltlich verändert. Über 50% wünschen keine Selbstständigkeit mehr. In vielen Fällen sind es zu 60% Frauen, die eine Teilzeitangestelltentätigkeit bevorzugen. Hier liegt die Priorität auf der Aufmerksamkeit für die Ausbildung der Kinder und die Rücksichtnahme auf die Karriere des nichtärztlichen Ehepartners. Durchschnittlich stehen nur 20 Arbeitsstunden pro Woche zur Verfügung. Das heißt, Mehr-Abgebern stehen weniger Nachfragen mit dem Wunsch nach freiberuflicher Selbstständigkeit gegenüber.

Gleichzeitiges Phänom: Multikausale Patienten-Reduktion in Innenstädten durch Gewerbe-/Hotel-/Gastronomie-/Sterben, Home-Office für Berufstätige und E-Learning für Studenten und Schüler.

Beispielhaft ist für diesen Entwicklungsprozess die Schließung von Innenstadtapotheken in Frankfurt am Main. Das Verschwinden von Kaufhäusern und Modegeschäften durch Verlagerung in den Online-Handel geht einher mit verminderter Nachfrage nach Büroraum. Ferner entfallen in starkem Maße dauerhaft Geschäftsreisen und bisherige Messetätigkeit. Damit sinkt die Überlebensfähigkeit von Gastronomie mit allen weiteren Attraktivitäten einer Innenstadt. Parallel sinkt die Frequenz der Berufstätigen und Studenten, die durch die Corona Home-Office Umstellung zu 2/3 der Woche nicht mehr die Büro- Ausbildungs- und Verwaltungsgebäude der Innenstädte der Ballungsgebiete aufsuchen. Verstärkt wird der Prozess der Stadtflucht durch die Klimakrise mit sommerlicher Überhitzung der Innenstädte für Bewohner, Berufstätige und Besucher.

Ärzte in Mannheim, Karlsruhe, Stuttgart, München, Frankfurt, Köln etc. müssen sich die Frage stellen:

„Wie hoch wird mein schleichender Patientenverlust in den nächsten Jahren sein? 10%, 15% oder gar 25% oder eher eine Fehleinschätzung?“

Unterstellt 25% sind 250 Patienten bei bisherigen 1.000 Durchschnittspatienten im Quartal, wären dies bei gleichbleibenden Kosten von 50% eine Halbierung des Gewinns. Statt wie bisher 200.000,00 EUR hätte die Praxis vor Steuern 100.000,00 EUR Gewinn. Dies schränkt nochmals die Veräußerungsfähigkeit in Zukunft ein und verlangt schon ab jetzt ein genaues Verfolgen der möglichen Nachfrageverluste.

Niedergelassene Ärzte ohne ausreichende Patientennachfrage in Deutschland? - Ein psychologisch aktuell kaum vorstellbarer Gedanke!

Schon durch die jetzt 1-jährige Dauer von Ansteckungsrisiken haben viele Praxen Patientenverluste erlitten, die durch den KV Schutzschirm abgemildert wurden. Kommt es jetzt im Einzugsbereich der Innenstadtpraxen zu zusätzlichen Frequenzreduktionen bei den Patienten, kann eine existenzielle Gefährdung entstehen. Mehrere Faktoren, an die die langsam älter werdenden Praxisinhaber nie gedacht haben, könnten ihr Lebenswerk zum Berufsende zerstören.

Statt Praxisabgabe – länger weiter arbeiten mit weniger Patienten?

Das bisherige Modell war bei Nachwuchsmangel länger bis zum 72 Lebensjahr zu arbeiten. Die Ärzteversorgungsrente ab 65 Jahren und die weiterlaufende Praxis mit ihren Gewinnen war ein Erfolgskonzept. Statt einem einmaligen Praxisabgabepreis konnte die Nichtveräußerbarkeit der Praxis zwischen einem halben Jahr und einem Jahr durch die Gewinnsituation kompensiert werden. Jetzt müssen zwischen 2021 und 2022 zunächst die Nachfrageverluste ausgeglichen werden und gleichzeitig mit den Corona Aspekten des Verlustes weiterer Patienten durch die multikausale Krise des tradierten Innenstadtnachfragemarktes berücksichtigt werden.

Alternative: Frühzeitig Teile der Praxistätigkeit in wachsende Standorte in Peripherie und ländlichen Raum verlagern?

Die gute Nachricht, die Patienten sind nicht weg, sondern verlagern als Berufspendler ihre Behandlungswünsche in die bisherig am Tag verlassenen Wohn- und Schlafstandorten in Peripherie und ländlichem Raum. Die Kommunen sind dort jetzt herausgefordert den Bürgern fix und fertig eingerichtete medizinische Time-Sharing Praxiskonzepte anzubieten, um ihren Bürgern eine ganzheitliche Versorgungsstruktur rund um Wohnen, Arbeiten, Lernen, Kultur und Freizeit zu ermöglichen. Es wird zu Multifunktions-Immobilien kommen, wo Café, soziale Veranstaltungen, Arztpraxen und Gesundheitsdienstleister und sogenannte Co-Working-Spaces kombiniert werden. Bisher verwaiste Quartiers- und Stadtviertel oder Dorfzentren füllen sich mit neuem Leben.

Verkürzt wäre das Handlungskonzept für die Zukunft:

Stadtpraxis gegebenenfalls runterfahren – Vorort/Landfiliale vorsichtig rauffahren?

Die Situation genau beachten und gegebenenfalls langsam die Innenstadtpraxis runterfahren und Teilzeit-/Vollzeit-Filialkonzepte in Vororten oder Landpraxis in eigener Immobilie (Wohnstandort/Freizeitstandort auf dem Lande) langsam hochfahren. Die eigene bisherige Wohnimmobilie oder den Stadtteil oder die Zweitwohnung auf dem Lande und das Umfeld als Wachstums- und Berufsstandort für eine ergänzende Alterspraxis zu betrachten, könnte ein interessanter Blickwinkel sein. So wie wir schon im Fernsehen den „Bergdoktor“ haben!, könnte nun der neue Name

„Home-Office-Doktor“

sein. Abgebende Praxen der Grundversorgung in Peripherie und ländlichem Raum könnte so zu neuen Nachfragern kommen. Auch Ärztinnen, die im ländlichen Raum bisher beruflich nicht tätig sind, könnten wieder berufstätig werden. Sie müssten nur ihren Home-Office Ehepartner veranlassen, Teile von Betreuung von Kindern und älteren Familienangehörigen mit zu übernehmen. Eine wahrscheinlich nicht immer einfache Kommunikationsaufgabe.

 

Hans-Joachim Schade
Rechtsanwalt und Mediator
Fachanwalt für Medizinrecht
hjs@arztrecht.de

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