Ich habe keine Zeit - weil ich zu erfolgreich bin

19. März 2021


Erfahrungen und Reflexionen aus dem Online-Seminar Home-Office-Doktor

Beharrung ist stärker als Wandel.

Die Digitalisierung wird von 90% der Ärzte als persönlicher Angriff auf ihr Rollenbild gesehen. Ursachen scheinen zu sein sowohl die große Nachfrage nach ärztlichen Leistungen und damit stabilem Einkommen als auch der daraus resultierende Zeitengpass, der die Innovation und Neuinformation kaum gestattet.

In der Betriebswirtschaft heißt beschriebener Konflikt: Organisationale Ambidextrie, nämlich die Notwendigkeit in der Zeit des beruflichen Erfolges sich mit 20% seiner Zeit zukünftigen Entwicklungen zu widmen. In der modernen amerikanischen Sprachstruktur heißt dies „Exploitation versus Exploration“.

Von den 22 Teilnehmern des Online-Seminars waren 3 Teilnehmer, die davon ausgingen, dass digitale Lösungsätze wie Videokonsultation und Telemonitoring (Dauerüberwachung von Vitalfunktionen durch Körpersensoren) in Zukunft extrem stark die niedergelassene Versorgung beeinflussen. Feldversuche bei der Überwachung von Herzinfarkt- und Schlaganfallpatienten und in der Diabetesversorgung deuten dies an.

Die Mehrheit der niedergelassenen Ärzteschaft ist extrem skeptisch, dass die Digitalisierung sinnvoll ist und sie sich durchsetzt.

 

Berliner Hausarzt: Großstädtische, multikulturelle Bevölkerungsgruppen offen für Fernbehandlung!

Ein Berliner Hausarzt beobachtet, dass die Angebote wie Teleclinic zum Thema Fernbehandlung besonders bei der städtischen Bevölkerung mit Migrationshintergrund ankommt.

Ein anderer Teilnehmer ging davon aus, dass es strategisch notwendig ist wahrzunehmen, dass insbesondere Einkommens- und bildungsstarke Patienten sich für telemedizinische Optionen entscheiden. Er verwies auf die Akzeptanz telemedizinischer Angebote bei Patienten der Techniker Krankenkasse, die schon jetzt 80.000 Mitglieder zählt, die für die elektronische Gesundheitsakte optiert haben.

Die Schlussfolgerung war für die Beteiligten, dass sich wahrscheinlich eine Spaltung zwischen digital offenen einkommensstarken Patientengruppen und einer eher tradiert skeptischen, eher sozialschwachen Patientenschaft entwickelt wird.

Die Schlussfolgerung für Hausarztpraxen wäre, dass sie somit, je länger sie von diesen Prozessen nichts wahrhaben wollen, auf einer älteren, eher sozialschwächeren Patientengruppe zusteuern werden.

Wichtige Frage: Wird der Gesetzgeber und die Selbstverwaltung von KV und Krankenkassen bei der Digitalisierung zurück rudern.

 

Ein Seminarteilnehmer kam zur Einschätzung, die aktuelle Öffnung des Systems durch die Corona-Krise mit den nicht limitierten Möglichkeiten AU über Videosprechstunde abzurechnen, würde nach der Corona -Krise wieder stark zurückgenommen.

Dieser Einschätzung widersprach ein Inhaber einer Diabetespraxis. Er verwies darauf, dass inzwischen die KV auch für die Schulung von Diabetespatientengruppen die Möglichkeit der Online-Nutzung gestattet und für ihn diese Entwicklung irreversibel sei. Auch verwies er darauf, dass in der Diabetesbehandlung die Routinemessung mit Sensoren beim Blutzucker im Rahmen von Telemonitoring sich durchsetzen werden.

Dies sei analog dem freiwilligen Nutzen von EKG-Funktionen im Freizeitbereich durch Smart-Watches, ein Ausdruck einer grundsätzlichen Veränderung der Gesellschaft gegenüber technischer Innovation, die digital basiert ist.

Der Gesetzgeber hat den GBA beauftragt Kriterien für die dauerhafte Tele-AU in der Regelversorgung zu entwickeln.

Werden die Ärzte in ihrer Praxis ihre tradierte Machtfunktion im Gesellschaftsprozess behalten?

Ein Teilnehmer wies darauf hin, dass schon die Firma Teleclinic für die Krankenkassen kostenlos Erstgespräche online anbietet, die in Zukunft auch mit kostenlosem Rezept für den Patienten über Apothekenversand erweitert werden.

Die Anwesenden waren sich überwiegend überhaupt nicht bewusst, dass es schon solche eingetretenen Entwicklungen gibt, die die Nutzung der Einzelpraxis als erster Ansprechpartner des Patienten aushöhlt.

Damit ergibt sich das Bild, das überwiegend fast zu 90% die niedergelassene Ärzteschaft zu viel Patientennachfrage und zu wenig Zeit für Information und Innovation hat. Durch die emotionale Ablehnung wird Digitalisierung nicht als neutrale Information zur Existenzsicherung für die Zukunft zur Kenntnis genommen.   

Fernbehandlung – tiefgehender Angriff auf ärztliches Rollenverständnis.

Gleichzeitig hat der Verfasser das Gefühl, dass die Digitalisierung als tiefgreifender Angriff auf das persönliche Arzt-Patienten-Verhältnis gesehen wird. Schon beim Ansprechen bestimmter Schlüsselbegriffe entsteht eine emotionale Sensibilisierung und unbewusste Abwehr. Es scheint, als ob sofort ein Feindbild entsteht, was jede Informationsvermittlung als persönlicher oder Berufstandsangriff bewertet.

Möglicherweise liegen hier tiefgreifende Mechanismen psychologischer Art im Kampf zwischen Kontinuität und Wandel dahinter.

Dieser Mechanismus heißt, dass Veränderung Gefährdung ist, die entweder ausgeblendet oder bekämpft werden muss.

Dieses Verhalten hat schon der Mehrzahl der Einzelhändler den Verlust ihrer Existenz gebracht und bedroht inzwischen das deutsche Bankensystem, das deshalb die Hälfe ihrer Filialen schließen muss. Es bedroht im anderen Bereich im Moment auch die Arbeit und die Rollenfunktion von Lehrern und Professoren unter Berücksichtigung der Begriffe Home-Schooling/E-Learning.

Nach der Krise ist vor der nächsten Epidemie!

Der Gesetzgeber wird sich in der Nacharbeit der Verwaltungsfehler der Corona-Krise dafür entscheiden, den gesamten kurativen Sektor zu digitalisieren. Das heißt zum Zwecke des Patientenschutzes wird möglicherweise die Dauerüberwachung wichtiger Vitalfunktionen mit Körpersensoren umgesetzt. Dies ist der Vorschlag des Sachverständigenrats, der die Bundesregierung für die künftige Gesetzgebung berät. Damit entfallen 1/3 der Routinekontrollkontakte pro Quartal und die entsprechende, dafür bisher aufgewandte Arbeitszeit. Wer sich hier vorbereitet, könnte damit sein Patientengut um 1/3 systematisch erhöhen, wenn er die richtigen Zielgruppen aus dem einkommens- und bildungsstarken Sektor über Internet-Marketing erschließt.

Aber wahrscheinlich wird auch diese Information wieder als „Schwarzmalerei“ empfunden. Später wird aufgeschrien, wenn die Gesundheitscomputer von Google, IBM, Amazon und Abott die Überwachung der chronisch kranken  Patienten übernehmen, anstelle der niedergelassenen Ärzte, die bereit sind, die Patienten digital basiert zu versorgen.

Die Antwort wird wieder lauten: „Ich habe keine Zeit gehabt, weil ich die ganze Zeit so erfolgreich war, dass ich bei der jetzigen hohen Nachfrage keinen Sinn sehe, eine Veränderung in meiner Praxisstruktur herbeizuführen.“

Das Resümee des Seminars für mich lautet: wir werden diese Strategieseminare weiter anbieten und freuen uns auf einen kontinuierlichen Gedankenaustausch mit Ihnen. Ach, es ist gar nicht einfach sich mit der Zukunft zu beschäftigen.

Über e-mail oder Anrufe würde ich mich freuen.

 

Mit den besten Ostergrüßen

Ihr

 

Hans-Joachim Schade
Rechtsanwalt und Mediator
Fachanwalt für Medizinrecht
hjs@arztrecht.de

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